Als ich im Dezember letzten Jahres nach Kanada zurückkehrte, kannte ich in der Umgebung von St. Thomas – etwa 200 km westlich von Toronto – außer meiner Familie niemanden. Also beschloss ich, aktiv Kontakte zu knüpfen. Zwei Wege führten mich dabei direkt zu neuen Bekanntschaften: Ich trat einem Bridge-Club bei und besuchte einmal pro Woche die örtliche Bibliothek, um an den Computersprechstunden für Senioren teilzunehmen.

Schon in der ersten Stunde musste ich mich kurz vorstellen. Kaum hatte ich mich hingesetzt, steckte mir mein Sitznachbar einen Zettel mit seiner E-Mail-Adresse zu und sagte auf Deutsch, ich könne mich gerne bei ihm melden, falls ich einmal Hilfe bräuchte. Zum Glück gab es keine Probleme – aber ich meldete mich trotzdem.

So lernte ich Hans kennen. Er stammt ursprünglich aus der Schweiz, ist mit einer Kanadierin verheiratet und lud uns spontan zu einem Kaffeetrinken mit echter Schweizer Käsewähe ein. Beim Plaudern stellte sich heraus, dass Hans früher Fluglehrer war und sogar zwei kleine Motorflugzeuge in St. Thomas besaß – die er allerdings aus Altersgründen kürzlich verkauft hatte. Sein Herz schlägt aber noch immer für die Fliegerei: Er ist bestens mit dem lokalen Flughafen vernetzt und bot mir schon vor einiger Zeit an, mir den Flughafen zu zeigen – und einen Flug zu organisieren. Schon beim Vorbeifahren, sieht man auch größere kommerzielle Düsen- Flugzeuge auf dem Flughafen, die dort gewartet werden.

Dieses Wochenende war es endlich soweit. Mein Sohn durfte natürlich mitkommen.

Zuerst gingen wir in „seinen“ Hangar, wo wir „seine“ Flugzeuge ans Stromnetz anschlossen, um das Motoröl aufzuwärmen. Schon das Gefühl, in diesem Hangar zu stehen, war aufregend: der Geruch von Öl und Benzin, die glänzenden Maschinen, die auf ihren ersten Start warteten. Danach besuchten wir die örtliche Flugschule, da mein Sohn ernsthaft überlegt, eine Privatpilotenlizenz zu erwerben. Sechs Monate Ausbildung, rund 30.000 kanadische Dollar – also etwa 18.000 Euro – standen dem Abenteuer gegenüber. Mein Sohn durfte in die Schulflugzeuge steigen und stellte fest, dass es darin wirklich eng zugeht.

Bald kam einer der Besitzer von Hans’ ehemaligen Flugzeugen vorbei. Der zweite Pilot war leider krank, also sollten mein Sohn und ich nacheinander mit dem Zweisitzer fliegen. Ich ließ meinen Sohn den Vortritt – und seine strahlenden Augen, als er nach einer halben Stunde zurückkam, ließen mein Herz höher schlagen.

Dann war ich dran. Wir starteten, und sofort breitete sich dieses unbeschreibliche Gefühl aus: der Boden gleitet unter einem hinweg, die Welt öffnet sich, und man fühlt sich frei. Zunächst flogen wir Richtung Süden nach Port Stanley am Eriesee – der Ort, der in Deutschland durch Theodor Fontanes Gedicht „John Maynard“ https://johnmaynard.net/Poem.html bekannt ist. Über Port Stanley bogen wir Richtung Westen ab, flogen entlang der Küste, wendeten dann nach Norden über unser Haus in St. Thomas und schließlich wieder nach Osten zurück zum Flughafen.

Nach etwa 30 Minuten landeten wir sanft. Hans und mein Sohn warteten bereits auf uns, voller Begeisterung und Stolz. Das Aufladen der Flugzeuge kostete uns 68 CAD für beide Flüge, die ich mit meiner Kreditkarte bezahlte, da der Pilot die Kosten zunächst selbst übernehmen wollte. Weitere Ausgaben gab es nicht, und selbstverständlich lud ich Hans noch zum Mittagessen ein.

Dieser Samstag wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben: Die Aufregung, das Staunen, das Staunen meines Sohnes – und das unglaubliche Gefühl, zu fliegen. Es stimmt wirklich: nur fliegen ist schöner.