Die Winterstürme in Kanada haben unsere hölzernen Gartenzäune auf beiden Grundstücksseiten teilweise umgeblasen. Kein Wunder: Die Vorbesitzer unseres Hauses hatten die Holzpfosten einfach direkt in die Erde gesetzt, und nach zwanzig Jahren waren diese natürlich verfault.
Der Nachbar auf der rechten Seite wollte den Grundstückszaun selbst reparieren. Wir versprachen ihm, uns zumindest an den Materialkosten zu beteiligen. Natürlich bot ich auch tatkräftige Hilfe beim Aufbau an, letztlich erledigten er und seine Frau die Arbeiten jedoch selbstständig innerhalb weniger Tage.
Ganz anders der Nachbar auf der anderen Grundstücksseite. Er klingelte eines Morgens bei uns und erklärte: „Euer Zaun ist umgefallen.“ Mehrmals betonte er, dass die Angelegenheit „unsere“ Sache sei und er damit nichts zu tun habe.
Ich selbst traute mir dieses Projekt als Hobbyhandwerker nicht zu und machte mich daher im Internet auf die Suche nach einer Firma, die uns helfen könnte. Die Preisunterschiede lagen bei fast 100 %, sodass ich mich schließlich – mit etwas Magengrummeln – für den günstigsten Anbieter entschied.
Der wollte allerdings sofort den gesamten Angebotspreis im Voraus überwiesen bekommen. Diesen Zahn zog ich ihm auf eher unkanadische Weise und bestand darauf, nur Teilzahlungen entsprechend dem Baufortschritt zu leisten. Schließlich erklärte er sich damit einverstanden – unter der Voraussetzung, dass ich das benötigte Material bezahle, also gemeinsam mit ihm einkaufen gehe.
Wie erwartet gab es zunächst Terminprobleme, doch ich blieb hartnäckig beim Nachhaken. Schließlich einigten wir uns auf einen Mittwochstermin, an dem er mich abholte, um gemeinsam zu einem Baumarkt in St. Thomas zu fahren.
Interessanterweise verfügen die Baumärkte hier offenbar über eine Software, die nach Eingabe der Zaunlänge und des gewünschten Designs automatisch eine Teileliste erstellt. Leider konnte der Mitarbeiter das Programm nicht richtig bedienen. Daher einigten wir uns darauf, dass er die Liste samt Preisen an die Firma des Zaunbauers schicken würde. Nach deren Bestätigung wollte man mich anrufen, damit ich die Kreditkartenzahlung abschließen könne. Die Lieferung sollte dann am Freitagmittag erfolgen.
Auf die Teileliste beziehungsweise den versprochenen Anruf warteten wir am Donnerstag allerdings vergeblich. Deshalb fuhr der Konstrukteur am Freitagmorgen erneut mit mir zum Baumarkt. Dort erfuhren wir, dass zwar inzwischen eine Teileliste existierte, einige wichtige Materialien – etwa Zement – jedoch ausverkauft seien.
Der Konstrukteur nahm die Liste an sich, um einige Telefonate zu führen, setzte mich aber gleichzeitig ins Auto, damit wir zu einem anderen Baumarkt in London, etwa zwanzig Kilometer entfernt, fahren konnten. Dorthin bestellte er außerdem einen Mitarbeiter mit Truck und großem Anhänger.
Im Baumarkt machten wir uns dann auf die Suche nach sämtlichen Einzelteilen. Das dauerte mindestens zwei Stunden. Viele Materialien mussten erst aus dem Lager geholt werden, und mehrfach standen wir bereits draußen, bevor uns auffiel, dass noch etwas fehlte und wir erneut in den Laden zurückmussten.
Ich nutzte die Gelegenheit gleich, um einige lange Bretter für die Reparatur unseres Holzbalkons mitzunehmen. Das bereitete mir allerdings zusätzliche Schwierigkeiten, da in Kanada sämtliche Maße nicht metrisch, sondern in Fuß und Inches angegeben werden. Um die Verwirrung komplett zu machen, werden zudem oft „falsche“ Maße verwendet: Ein Zaunpfosten, der als 4″x4″ verkauft wird, misst in Wirklichkeit nur 3,5″x3,5″.
Nachdem wir schließlich alles zusammenhatten (das brauchte min. 3 Anläufe), brachte mich ein Mitarbeiter der Firma nach Hause, wo bereits drei weitere Arbeiter warteten. Die Jungs schafften es tatsächlich, die gesamte Zaunlänge von etwa zwanzig Metern abzureißen, zu entsorgen und noch am selben Tag komplett neu aufzubauen.
Über das Trinkgeld freuten sie sich natürlich sehr. Selbst unser „nicht zahlender“ Nachbar zeigte sich am Ende zufrieden mit der neuen Konstruktion.