Nun ist es schon wieder ein Monat her, seit ich nach Kanada gezogen bin. Unser Haus liegt in einer kleinen Stadt, in einer ruhigen Wohngegend. Trotzdem standen abends Rehe in unserem Vorgarten. Momentan haben wir kein eigenes Auto, was in Kanada angesichts der großen Entfernungen eher eine Seltenheit ist. Vor einigen Jahren haben wir unserem Sohn wegen der wachsenden Familie einen Zweitwagen spendiert, mit der Option, dass wir ihn hin und wieder mitnutzen können. Prinzipiell reicht das aus, um größere Einkäufe abends oder am Wochenende zu erledigen. Kleinere Besorgungen lassen sich zu Fuß machen, auch wenn die Entfernungen beträchtlich sind (rund vier bis fünf Kilometer pro Strecke). Als „Rentner“ haben wir jedoch Zeit, und die Bewegung hält fit.
Als Vorsatz für 2026 habe ich mir vorgenommen, mir hier einen Bekanntenkreis aufzubauen. Abgesehen von der Familie kenne ich im Ort niemanden, und unsere Freunde leben in Toronto, etwa 200 Kilometer entfernt. Früher fiel es mir leicht, im Berufsleben neue Freundschaften zu knüpfen, da ich recht kontaktfreudig und kommunikativ bin und zudem versuche, ältere Freundschaften durch regelmäßigen Kontakt zu pflegen. Als wir vor zwei Jahren für einige Wochen bei unserem Sohn wohnten, besuchte ich zweimal pro Woche abends einen Schachklub in der Stadtbibliothek. Zwar ergaben sich einige Kontakte, doch dem Spiel geschuldet war es meist recht ruhig, und nach den Partien ging jeder schnell wieder seiner Wege.
Auf Facebook gibt es eine lokale Gruppe, in der Nachrichten ausgetauscht werden. Dort entdeckte ich, dass Anfang Januar ein Anfängerkurs für das Kartenspiel Bridge angeboten wird. Bridge wird mit vier Personen gespielt und ist recht komplex, mit vielen Konventionen, die man erst lernen muss. Laut Facebook hatten sich etwa 20 Personen angemeldet, tatsächlich erschienen aber nur ein weiterer Herr und ich. Wir wurden von den meist älteren Teilnehmern freundlich aufgenommen und an einem separaten Tisch platziert. Dort spielten wir zunächst unter Anleitung einer älteren Dame das Spiel „Finesse“, das sie angeblich selbst erfunden hat und im Eigenvertrieb vermarktet. Es ist etwas einfacher als Bridge, weist aber große Ähnlichkeiten auf. Der andere Neuling stellte sich als Immobilienmakler heraus. Zum Abschluss zeigte man sich sehr besorgt, ob wir auch in der folgenden Woche wiederkommen würden.
Als zweite Kontaktmöglichkeit fand ich eine Selbsthilfegruppe zum Thema Computerprobleme, die einmal wöchentlich in der lokalen Bibliothek stattfindet. Ich beschloss hinzugehen – weniger, weil ich selbst größere Probleme habe, die kann ich meist selbst lösen, sondern in der Hoffnung, mit meinen Computerkenntnissen hilfreich zu sein und dabei neue Leute kennenzulernen. Die Sitzung wurde von einem Bibliotheksmitarbeiter geleitet, der die rund zehn meist grauhaarigen Teilnehmer begrüßte und um eine kurze Vorstellung bat. Ich stellte mich als deutschen Neuzugang im Ort vor, woraufhin sich sofort ein vielstimmiges „Welcome to Canada“ erhob. Mein Sitznachbar sprach mich gleich auf Deutsch an, stellte sich als Schweizer vor, der schon viele Jahre im Ort lebt und bot mir seine Hilfe an. Später schob er mir einen Zettel mit seiner E-Mail-Adresse zu. Noch am selben Abend bedankte ich mich per E-Mail für sein Angebot, worauf er mir mit einer Nachricht antwortete, die seine Lebensgeschichte enthielt. Er ist Hobbypilot und besitzt zwei Flugzeuge, an denen er jeweils zur Hälfte beteiligt ist. Das könnte noch interessant werden.
Ansonsten folgte eine Einführung in die Angebote der lokalen Bibliothek, auf deren Webseite man sogar Filme streamen kann. Ich meldete mich direkt nach der Veranstaltung an – kostenlos.
Im weiteren Verlauf berichtete eine Dame von Schwierigkeiten beim Streamen von Videos vom Computer oder Mobiltelefon auf den Fernseher. Mein Hinweis, doch den Google-Browser Chrome zu nutzen, der eine integrierte Streamingfunktion besitzt, wurde dankbar aufgenommen. Darüber hinaus konnte auch ich einiges lernen. So wurde von verschiedenen Apps berichtet, mit denen man durch Rückerstattungen, besonders bei Lebensmitteln, deutlich sparen kann. Eine App veröffentlicht Listen von Produkten aus lokalen Geschäften, die zwei bis drei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stark reduziert sind. Schließlich erzählte eine Teilnehmerin von der App einer großen Baumarktkette, mit der man zu Hause prüfen kann, ob bestimmte Artikel im lokalen Geschäft verfügbar sind und in welchem nummerierten Gang sie zu finden sind. Besonders faszinierte mich, dass sich beim Betreten des entsprechenden Gangs mit geöffneter App das Preisschild an der Ware aufleuchtet. Gerade bei Kleinteilen wie Schrauben ist das äußerst hilfreich. Das ist Technologie, wie ich sie mag.