Im März dieses Jahres wurde ich in der Bibliothek angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, etwa zehnjährigen Kindern etwas aus meinem Leben zu erzählen. Die kanadische Regierung unterstützt ein Programm namens GrandPals („Großfreunde“), das ältere Menschen und Rentner in lokale Schulen einlädt. Dort berichten sie in einem klar strukturierten Rahmen einer kleinen Gruppe von Schülern aus ihrem Leben. Ziel ist es, die Generationen zusammenzubringen, sodass die Kinder von den Lebenserfahrungen, Entscheidungen und Erlebnissen der Älteren lernen können.
Noch vor Beginn des Programms musste ich ein polizeiliches Führungszeugnis beantragen. Zusätzlich wurde ich aufgefordert, auf einer Polizeistation Fingerabdrücke abzugeben. Die endgültige Freigabe erhielt ich allerdings erst zwei Wochen vor dem Ende des Programms. Vor Ort wurde das jedoch nicht so streng gesehen, sodass ich trotzdem von Anfang an teilnehmen konnte.
Vor dem Start gab es drei Vorbereitungstreffen, bei denen die Details erläutert wurden. Zusätzlich standen mehrere Informationsvideos im Internet zur Verfügung. Die Schule lag etwa fünf Kilometer entfernt, weshalb ich jedes Mal mit dem Fahrrad dorthin fuhr. Das sorgte regelmäßig für Erstaunen, denn Radfahren gilt hier als ausgesprochen „unkanadisch“. Selbst kurze Strecken werden meist mit dem Auto zurückgelegt.
Bereits bei den Vorbereitungstreffen fiel mir auf, dass nur etwa die Hälfte der anderen GrandPals und Schüler Kanada jemals für Reisen oder längere Aufenthalte verlassen hatte. Die Klassenlehrerin beispielsweise war in St. Thomas aufgewachsen, hatte anschließend im rund 20 Kilometer entfernten London (Ontario) studiert und arbeitete nun wieder in St. Thomas. Etwa ein Viertel der Teilnehmer hatte die Provinz Ontario noch nie verlassen, und rund zehn Prozent waren sogar noch nie aus der Gegend von St. Thomas herausgekommen. Entsprechend war ich mit meinen Reisegeschichten schnell bekannt wie ein bunter Hund.
Bei der ersten Begegnung mit den Schülern fand zunächst ein Kennenlernen mit der gesamten Klasse statt. Jeder GrandPal stellte sich jeweils für etwa zehn Minuten einer Gruppe von fünf bis sechs Schülern vor. Anschließend wurden die Gruppen gewechselt, sodass alle Kinder alle GrandPals kennenlernen konnten. In der folgenden Woche durften die Schüler entscheiden, mit wem sie während des Projekts zusammenarbeiten wollten. Danach blieben die Gruppen unverändert, und jede Woche wurde ein anderes Thema behandelt: Wohnen, Familie, Arbeit, Reisen und vieles mehr.
Jeder Schultag begann mit dem Abspielen der kanadischen Nationalhymne. Dabei gab es durchaus Abwechslung: Neben der klassischen, sehr feierlichen Version wurden auch moderne Pop- oder Country-Interpretationen gespielt. Währenddessen mussten alle aufstehen und aufmerksam zuhören.
Anschließend wurde ein Video gezeigt, das das jeweilige Wochenthema vorstellte. Meine Gruppe bestand aus zwei Mädchen und zwei Jungen. Die Kinder waren ausgesprochen interessiert, denn wir sprachen über Themen, die für viele Kanadier eher ungewöhnlich sind: den Wehrdienst in Deutschland, die Flucht meiner Eltern aus Schlesien, die fehlende Meinungsfreiheit in der DDR und vieles mehr. Besonders beim Thema Reisen staunten die Kinder nicht schlecht, als sie hörten, wie viele Länder ich besucht hatte und wie lange ich teilweise unterwegs gewesen war.
Beim Thema Technik hatte eine der GrandPals ein altes Telefon mit Wählscheibe mitgebracht, welches die Schüler zunächst gar nicht bedienen konnten. Auch Musik/ Videokasetten kannten sie nicht, selbst CD’s und DVD’s waren einigen unbekannt.
Die letzte Stunde war als kleine Abschlussfeier gestaltet. Es gab Obst, Plätzchen und Kuchen. Die Kinder überreichten mir selbst gebastelte Geschenke und kurze Texte (Link), in denen sie zusammenfassten, was ihnen von meinen Erzählungen besonders in Erinnerung geblieben war.
Eines der Mädchen schenkte mir eine Kombination aus einer Taucherbrille und einem Teppichhai (Wobbegong Shark) aus Knetmasse. Das bezog sich auf eine Geschichte, die ich von einem Taucherlebnis in Australien erzählt hatte.
Damals hatte ich an einem Tauchgang teilgenommen, bei dem wir durch einen etwa 50 Meter langen Tunnel unter einer Insel tauchen sollten. Der Tunnel hatte einen Durchmesser von ungefähr fünf Metern. Die Teilnehmer starteten einzeln im Abstand von zehn Minuten. Ich war als Letzter an der Reihe. Als ich mich ungefähr in der Mitte des Tunnels befand, schwamm mir plötzlich ein Teppichhai entgegen.
Da ich wusste, dass sich diese Haiart normalerweise am Boden aufhält, blieb ich dicht unter der Tunneldecke, während der Hai ruhig unter mir hindurchglitt. Für mich war das ein beeindruckender Moment – und offenbar auch für die Zuhörer. Die Geschichte hatte sogar die Klassenlehrerin so fasziniert, dass sie sie später auch älteren Schülern weitererzählte.
Rückblickend war die Teilnahme an GrandPals eine ausgesprochen bereichernde Erfahrung. Es hat mir viel Freude gemacht, den Kindern Einblicke in ein Leben zu geben, das sich in vielerlei Hinsicht von ihrem eigenen unterscheidet. Gleichzeitig war es spannend zu erleben, mit welcher Neugier und Offenheit sie auf Geschichten aus anderen Zeiten und anderen Teilen der Welt reagierten.
Bilder der Kinder darf ich aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlichen.




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