Jetzt lebe ich schon wieder mehr als ein halbes Jahr in Kanada und bin selbst ein wenig erstaunt, wie schnell sich hier neue Freundschaften entwickelt haben. Damit hatte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet.

Alles begann im Januar, als ich regelmäßig die Computersprechstunden besuchte. Gleich am ersten Tag schob mir ein Schweizer seine E-Mail-Adresse zu und meinte, ich solle mich einfach melden, wenn ich einmal Hilfe bräuchte. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und schrieb ihm noch am selben Abend. Aus dieser ersten Kontaktaufnahme wurden bald gemeinsame Kaffeetrinken, und weil mein neuer Bekannter leidenschaftlicher Hobbypilot ist, organisierte er sogar einen privaten Rundflug für meinen Sohn und mich. Es folgten Einladungen zum Grillen am Flugplatz und gestern schließlich zu einem schweizerisch-deutschen Hoffest.

Die Besitzer des Hofes sind ein schweizerisch-deutsches Ehepaar, das gemeinsam mit Freunden und Bekannten den Schweizer Nationalfeiertag vom 1. August schon ein paar Tage früher feierte. Die Deutschen waren dabei deutlich in der Minderheit, und mit dem Schwyzerdütsch tue ich mich noch immer etwas schwer. Trotzdem war es ein sehr geselliger Nachmittag. Bemerkenswert fand ich auch, dass dort zum ersten Mal bei einem privaten Treffen in Kanada ganz selbstverständlich Bier ausgeschenkt wurde. Der sieben Monate alte Sohn des Ehepaars trug einen herrlich witzigen Strampler (siehe Bild), und der Großvater lud mich gleich noch zu einer Besichtigung seines Milchviehbetriebs ein.

Auf dem Land fallen einem in Kanada oft die ungewöhnlich hohen Hausnummern auf – in diesem Fall lautete die Hausnummer tatsächlich 44898. Fast noch erstaunlicher ist allerdings, was sich direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite abspielt: Dort errichtet Volkswagen derzeit eine riesige Batteriezellenfabrik – mit kräftiger Unterstützung durch staatliche Fördergelder. Vor Kurzem stellte sich heraus, dass die Wasserversorgung der Stadt St. Thomas nicht ausreicht, um das neue Werk zu versorgen. Deshalb wurde für rund 400 Millionen Dollar eine neue Wasserleitung vom Eriesee gebaut. Bezahlt wurde diese Investition allerdings nicht von VW.

Schon bemerkenswert: Mitten in der kanadischen Provinz entsteht ein gigantisches neues Werk, während in Deutschland über Werksschließungen diskutiert wird. Umso erstaunlicher erscheint mir das, weil die größten potenziellen Kunden – die US-Autobauer – wegen der Strafzölle inzwischen ihre Pläne teilweise geändert oder ganz aufgegeben haben.

Auch die Computersprechstunden entwickeln sich weiter. Inzwischen gelte ich dort als eine Art Nerd, weil ich ausschließlich Linux als Betriebssystem nutze. Mittlerweile konnte ich sogar einige andere Teilnehmer dafür begeistern, Linux einmal auszuprobieren – natürlich mit meiner Unterstützung.

Neben dem Computer ist Bridge inzwischen mein zweites regelmäßiges Hobby geworden. Seit Januar spiele ich jede Woche und habe mittlerweile einen festen Partner, mit dem ich auch an Turnieren teilnehme. Dabei habe ich ein sehr nettes Ehepaar aus der Nachbarschaft kennengelernt. Inzwischen treffen wir uns nicht nur im Bridge-Club, sondern auch privat zu gemütlichen Bridgerunden. So fühlt sich Kanada von Monat zu Monat ein bisschen mehr wie ein Zuhause an.